Normalerweise sind sie der „12. Mann“, das Herz des Vereins, doch diesmal bleiben die Ränge gespenstisch leer. Wenn der VfB Stuttgart in seinem kommenden Europa-League-Auswärtsspiel aufläuft, wird das sonst übliche Meer aus roten Fahnen und donnernden Gesängen durch Stille ersetzt. Die Fans, die sonst oft tausende Kilometer reisen, um ihre Mannschaft zu unterstützen, haben einen kompletten Boykott angekündigt.
Der Protest, organisiert von mehreren Fanvereinigungen, richtet sich gegen das, was sie „unverschämte Ticketpreise“ und „unmenschliche Reisebedingungen“ nennen. Eintrittskarten für das Spiel wurden deutlich höher bepreist als in den vorherigen Runden, hinzu kommen zusätzliche Gebühren für verpflichtende Reisepakete, die über den Gastgeberverein gebucht werden müssen. Außerdem erschweren eingeschränkte Transportmöglichkeiten und ungünstige Anstoßzeiten die Reise erheblich.
„Wir lieben unser Team und stehen immer hinter den Spielern“, sagte Michael Rathke, Sprecher der Cannstatter Kurve. „Aber es muss eine Grenze geben. Fußball muss für die Menschen zugänglich bleiben. Er darf nicht zu einem Luxusgut werden, das nur für diejenigen da ist, die sich überteuerte Tickets und komplizierte Logistik leisten können.“
Der Boykott ist nicht nur symbolisch, sondern eine schmerzhafte Entscheidung für die Fans, die auf ihre unerschütterliche Treue stolz sind. Die Auswärtsfahrer des VfB zählen seit langem zu den respektiertesten Anhängern im deutschen Fußball und schaffen Atmosphären, die Auswärtsspiele oft wie Heimspiele wirken lassen. Ohne sie steht die Mannschaft nun vor der Herausforderung, in einer emotional sterilen Umgebung zu bestehen – allein getragen von der eigenen Energie und Entschlossenheit.
Spieler und Trainerstab haben Verständnis für den Protest gezeigt. Cheftrainer Sebastian Hoeneß erklärte: „Natürlich würden wir unsere Fans lieber dabeihaben. Ihre Präsenz macht einen riesigen Unterschied. Aber wir wissen auch, warum sie diese Entscheidung getroffen haben, und wir respektieren das. Hier geht es um mehr als Fußball – es geht um Fairness und Respekt gegenüber den Anhängern.“
In Stuttgart planen die Fans derweil ein großes Public Viewing in der Mercedes-Benz Arena, um das Stadion in ein riesiges Wohnzimmer zu verwandeln, in dem Tausende gemeinsam in Solidarität mitfiebern. Damit wollen die Organisatoren der Mannschaft zeigen, dass der „12. Mann“ auch aus der Ferne lebendig bleibt.
Ob dieser Boykott eine breitere Diskussion innerhalb der UEFA über Ticketpolitik auslösen wird, bleibt abzuwarten. Fürs Erste jedoch wird die Stille im Gästeblock lauter sprechen als jeder Fangesang – ein eindringlicher Beweis dafür, dass Fußball ohne Fans seine Seele verliert.