Es sollte der Transfer des Jahrhunderts werden. Florian Wirtz, gerade einmal 22 Jahre alt, hatte mit Bayer Leverkusen die Bundesliga verzaubert – mit Übersicht, Technik und einem Gespür für das Außergewöhnliche. Als der FC Liverpool im Sommer tief in die Tasche griff und bis zu 150 Millionen Euro für den Offensivstar zahlte, erwarteten die Fans eine neue kreative Ära. Stattdessen entwickelt sich der Deal zu einer der meistdiskutierten Transfergeschichten der jüngeren Premier-League-Historie.
Neun Spiele. Kein Tor. Keine Vorlage. Und zwei Niederlagen in Serie, die Liverpool ins Wanken bringen. Die englischen Medien sind gnadenlos. Schlagzeilen sprechen von einem „150-Millionen-Euro-Desaster“, und die Kritik erreichte in dieser Woche ihren Höhepunkt, als Klublegende Jamie Carragher offen infrage stellte, ob Wirtz überhaupt noch in der Startelf stehen sollte.
„Er muss aus der Mannschaft raus,“ schimpfte Carragher bei Sky Sports. „Der Junge hat unfassbares Talent, aber momentan wirkt er verloren, überfordert und schlicht nicht bereit für die Anforderungen des englischen Fußballs.“
Wirtz, in Deutschland gefeiert für seine furchtlosen Dribblings und magischen Pässe in die Tiefe, tut sich schwer, in der physisch intensiven Premier League Fuß zu fassen. Gegner pressen ihn aggressiv, nehmen ihm Raum und Zeit, die er in Leverkusens System noch hatte. Anstatt das Spiel zu lenken, wird er zu oft einfach abgedrängt.
Für Liverpool ist die Enttäuschung riesig. Der Klub hatte gehofft, in Wirtz den legitimen Nachfolger von Philippe Coutinho gefunden zu haben – einen Spieler, der enge Partien entscheiden kann. Stattdessen ist er zum Blitzableiter der Kritik geworden, in einer Phase, in der Jürgen Klopps Team dringend Stabilität bräuchte.
Derweil schaut der FC Bayern München mit gemischten Gefühlen auf die Situation. Die Bayern hatten im vergangenen Jahr ernsthaft über eine Verpflichtung nachgedacht, verzichteten jedoch – sowohl wegen der hohen Ablöseforderungen Leverkusens als auch aufgrund interner Zweifel, ob Wirtz den Sprung schaffen würde. Jetzt, da er in England strauchelt, fragt man sich in München insgeheim, ob man einem kostspieligen Fehler entgangen ist.
Doch es gibt auch eine andere Sichtweise: Sollte Wirtz in Liverpool endgültig scheitern, könnte sich für Bayern irgendwann die Chance auf eine Rückkehr in die Bundesliga – womöglich zu einem reduzierten Preis – eröffnen.
Für den Moment jedoch steht Liverpool am Scheideweg. Kann Wirtz sich anpassen, die Kritiker verstummen lassen und beweisen, warum er einst als größtes deutsches Talent galt? Oder wird dieser Transfer als der teuerste Flop der Premier-League-Geschichte in Erinnerung bleiben?
Der Druck auf den 22-Jährigen war noch nie größer. Und in München schaut man zu – und wundert sich.