Es sollte ein gewöhnlicher Sonntagabend an der Säbener Straße werden. Die Trainingsplätze waren längst verwaist, die Flutlichter seit Stunden erloschen, und die frische Münchner Herbstluft trug das Gefühl eines abgeschlossenen Wochenendes in sich. Doch hinter einem Fenster brannte noch Licht. Dort saß Vincent Kompany, der Mann, dem der FC Bayern die wohl schwierigste Aufgabe anvertraut hatte: eine Mannschaft neu zu beleben, die zeitweise unbesiegbar wirkte, zuletzt jedoch anfällig erschien.
Beobachter lobten Kompanys ruhiges Auftreten schon oft, doch dieser Abend war anders. Berichten zufolge saß er über sein Taktikbrett gebeugt, schob die Magnetfiguren in schnellem Rhythmus hin und her, als spiele er Schach gegen sich selbst. Für manche mochte es wie unruhiges Herumprobieren wirken. Für jene, die Kompany kennen, war es nichts anderes als kühle, berechnende Planung – die Art von intellektueller Fußballarbeit, die ihn seit jeher auszeichnet.
Was in diesem Büro entstand, sollte wenige Tage später die Bundesliga und Europa erschüttern. Der Belgier hatte nicht nur die Formation des Teams neu gedacht, sondern auch dessen Hierarchie. Etablierte Stars, deren Einsatz bislang selbstverständlich schien, fanden sich plötzlich in Nebenrollen wieder, während Nachwuchstalente aus der Akademie in zentrale Positionen rückten. Der kühnste Schachzug jedoch war die Umwandlung eines Starstürmers in eine unkonventionelle Mittelfeldrolle – ein Wagnis, das auf dem Papier verwegen wirkte, im Training jedoch eine völlig neue Dimension eröffnete.
Die Wirkung ließ nicht auf sich warten. Als Bayern wenige Tage später auflief, waren Fans und Experten gleichermaßen verblüfft. Die sonst berechenbare Ballzirkulation war ersetzt durch fließende Positionswechsel, gnadenloses Pressing und einen Rhythmus, der chaotisch und zugleich perfekt abgestimmt wirkte. Gegner fanden keine Antwort; Bayern wirkte wie neugeboren.
„Fußball bedeutet Mut“, erklärte Kompany auf der Pressekonferenz nach dem Spiel, mit einem Funkeln in den Augen. „Wenn du dich selbst nicht überraschst, wie willst du dann deinen Gegner überraschen?“
Für einen Verein, der so tief in Tradition verwurzelt ist, hätte Kompanys radikale Umstellung Widerstand hervorrufen können. Stattdessen brach die Allianz Arena in Jubel aus und spürte den Beginn von etwas Wagemutigem, Neuem. Experten diskutieren bereits, ob es sich um einen einmaligen Geniestreich handelt oder um den Auftakt einer neuen Ära.
Eines aber steht fest: An jenem stillen Sonntagabend nahm der FC Bayern eine Wendung, die niemand kommen sah. Und alle waren überrascht.